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Kardiovaskuläre Erkrankungen durch Verkehrslärm

Geräusche können nicht nur belästigen oder die Kommunikation stören und zu Leistungsbeeinträchtigungen führen, sondern durch Beeinträchtigung des Schlafes und chronische Stressreaktionen eine Gesundheitsgefährdung darstellen.

Dies äußert sich in einer veränderten Schlafstruktur (Schlafstadien), vermehrten Aufwachreaktionen, erhöhten Stresshormonausscheidungen, erhöhten Risikofaktoren (Blutdruck, Blutzucker, Blutfette, Fließeigenschaften des Blutes) und schließlich einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten (zum Beispiel Bluthochdruck und ischämische, also durch Sauerstoffunterversorgung hervorgerufene) Herzkrankheiten einschließlich Herzinfarkt.

Die durch Straßen- und Schienenverkehr verursachten Geräusche können vegetative und endokrine Reaktionen (extra-aurale Wirkungen) hervorrufen. Bei Immissionsschallpegeln über 40 dB(A) nachts außerhalb der Wohnungen ist bei geöffneten Fenstern mit Schlafstörungen zu rechnen, bei Immissionsschallpegeln ab 65 dB(A) tags und 55 dB(A) nachts sind erhöhte Risiken, zum Beispiel für Herzkreislauferkrankungen, nachgewiesen. Die Evidenz für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Umweltlärm und Herz-Kreislaufkrankheiten hat in den letzten Jahren durch eine Reihe neuer Studienergebnisse der epidemiologischen Lärmwirkungsforschung deutlich zugenommen [1,2,3,4]. Insgesamt deuten die neueren Studien darauf hin, dass erhöhte Risiken in Abhängigkeit von der Schallquelle auch schon bei niedrigerem Immissionsschallpegel bestehen.

Aufgrund von Modellrechnungen des Umweltbundesamtes ist zu befürchten, dass etwa 13 Mio. Bewohner Deutschlands verkehrslärmbedingt dem erhöhten Risiko einer ischämischen Herzkrankheit unterliegen. Derzeit ist oberhalb eines Immissionspegels von tagsüber 65 dB(A) und nachts 55 dB(A) außerhalb der Wohnungen von einem nennenswerten Anstieg des Risikos auszugehen. Die Unterschreitung dieser Pegel stellt daher ein kurzfristig zu erreichendes Umweltqualitätsziel unter dem Gesichtspunkt des präventiven Gesundheitsschutzes dar. Gegenüber den Ergebnissen früherer Untersuchungen lassen neuere Studienergebnisse keinen Schwellenwert für eine Risikoerhöhung erkennen. Das bedeutet, dass auch bei moderaten Immissionspegeln geringfügig erhöhte Herz-Kreislauf-Risiken bestehen.

Auf der Grundlage der Ergebnisse epidemiologischer Umweltlärmstudien wurden Meta-Analysen durchgeführt, um aus mehreren qualitativ hochwertigen Studien Schätzer für das relative Risiko für Bluthochdruck sowie ischämische Herzkrankheiten (einschließlich Herzinfarkt) durch Straßenverkehrslärm zu ermitteln und entsprechende Dosis-Wirkungskurven für die Zusammenhänge abzuleiten [5,6]. Die Dosis-Wirkungs-Kurve für das Bluthochdruckrisiko durch Straßenverkehrslärm ist in Abb. "Dosis-Wirkungs-Kurve für den Zusammenhang zwischen Straßenverkehrslärm und Bluthochdruckrisiko" wiedergegeben, diejenige für das Herzinfarktrisiko in Abb. "Dosis-Wirkungs-Kurve für den Zusammenhang zwischen Straßenverkehrslärm und Herzinfarktrisiko". Auf der Grundlage dieser Kurven und Kenntnissen über die Belastung der Bevölkerung durch Lärm können quantitative Risikobetrachtungen und bevölkerungsbezogene Fallzahlen errechnet werden, die für Risikovergleiche und Prioritätensetzungen im Bereich Umwelt und Gesundheit ("Public Health") herangezogen werden können. Eine große dänische Studie hat erstmals auch den Zusammenhang zwischen Straßenverkehrslärm und Schlaganfallrisiko untersucht und einen entsprechenden Zusammenhang aufgezeigt [7].

Eine große europäische Studie zum Zusammenhang zwischen Fluglärm und Straßenverkehrslärm und Bluthochdruck, die zeitgleich in sechs europäischen Ländern, einschließlich Deutschland, durchgeführt worden ist, hat statistisch gesicherte Zusammenhänge zwischen der Belastung durch Straßenverkehrslärm sowie der nächtlichen Lärmbelastung durch zivilen Flugverkehr mit der Prävalenz von Bluthochdruck aufgezeigt [8]. Die besondere Bedeutung des Nachtfluglärms im Hinblick auf Schlafstörungen und andere gesundheitliche Wirkungen zeigte sich auch in einer im Kölner Raum durchgeführten Lärmstudie [9]. Dort wurden erhöhte ärztliche Verschreibungen für blutdrucksenkende und andere Medikamente mit zunehmender Fluglärmbelastung der Wohnungen der Untersuchungspersonen festgestellt. Die weitere Auswertung der Krankenkassendaten im Rahmen einer Fall-Kontroll-Studie hinsichtlich des Erkrankungsrisiko von Erkrankungen den Herzens und des Kreislaufs sowie von psychischen Erkrankungen ließ einen Anstieg des Erkrankungsrisikos schon bei niedrigen nächtlichen Dauerschallpegeln an (40 dB(A)) erkennen [10,11]. In einer großen Schweizer Untersuchung wurde ein Anstieg des Herzinfarktrisikos mit zunehmender Fluglärmbelastung gefunden [12].

Auf der Grundlage einer Meta-Analyse zum Zusammenhang zwischen Fluglärm und Bluthochdruck wurde eine Dosis-Wirkungskurve abgeleitet, die für quantitative Risikoberechnungen beim Fluglärm herangezogen werden [13]. Die Dosis-Wirkungs-Kurve ist in Abb. "Dosis-Wirkungskurve für den Zusammenhang zwischen Fluglärm und Bluthochdruckrisiko" wiedergegeben.

Die Europäische Umweltagentur hat eine Anleitung zur Abschätzung von Gesundheitsrisiken durch Umweltlärm herausgegeben [14].

[1] Babisch, W.: Quantifizierung des Einflusses von Lärm auf Lebensqualität und Gesundheit. UMID 1/2011, 28-36.

[2] Babisch, W.: Transportation noise and cardiovascular risk: Updated review and synthesis of epidemiological studies indicate that the evidence has increased. Noise Health 8, 2006, 1-29.

[3] World Health Organization (WHO): Night noise guidelines for Europe. WHO Regional Office for Europe, Copenhagen, 2009.

[4] World Health Organization (WHO): Burden of disease from environmental noise. WHO Regional Office for Europe, Copenhagen, 2011

[5] van Kempen, E., Babisch, W.: The quantitative relationship between road traffic noise and hypertension: a meta-analysis. Journal of Hypertension 30, 2012, 1075-1086.

[6] Babisch, W: Road traffic noise and cardiovascular risk. Noise Health, 10, 2008, 27-33.

[7] Sörensen, M., Hvidberg, M., Andersen, Z.J., Norsborg, R.B., Lillelund, K.G., Jakobsen, J., Tjönneland, A., Overvad, K., Raaschou-Nielsen, O.: Road traffic noise and stroke: a prospective cohort study. European Heart Journal 32, 2011, 737-744.

[8] Jarup, L., Babisch, W., Houthuijs, D., Pershagen, G., Katsouyanni, K., Cadum, E., Dudley, M., Savigny, P., Seiffert, I., Swart, W., Breugelmans, O., Bluhm, G., Selander, J., Charalampidis, A. S., Dimakopoulou, K., Sourtzi, P., Velonakis, M., Vigna-Taglianti, F.: Hypertension and exposure to noise near airports - the HYENA study. Environmental Health Perspectives 116, 2008, 329-333.

[9] Greiser, E., K. Jahnsen, and C. Greiser, Beeinträchtigung durch Fluglärm: Arzneimittelverbrauch als Indikator für gesundheitliche Beeinträchtigungen. Forschungsbericht 205 51 100. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt.

[10] Greiser, E., Greiser, C.: Risikofaktor nächtlicher Fluglärm. Abschlussbericht über eine Fall-Kontroll-Studie zu kardiovaskulären und psychischen Erkrankungen im Umfeld des Flughafens Köln-Bonn. Schriftenreihe Umwelt & Gesundheit 01/2010. Umweltbundesamt, Dessau 2010.

[11] Greiser, E., Greiser, C.: Risikofaktor nächtlicher Fluglärm (Anlagenband). Abschlussbericht über eine Fall-Kontroll-Studie zu kardiovaskulären und psychischen Erkrankungen im Umfeld des Flughafens Köln-Bonn. Umweltbundesamt, Schriftenreihe Umwelt und Gesundheit 01/2010, Dessau-Roßlau 2010.

[12] Huss, A., Spoerri, A., Egger, M., Röösli, M.: Aircraft noise, air pollution, and mortality from myocardial infarction. Epidemiology 21, 2010, 829-836.

[13] Babisch, W., van Kamp, I.: Exposure-response relationship of the association between aircraft noise and the risk of hypertension. Noise Health 11, 2009, 149-156.

[14] European Environmental Agency (EEA): Good practice guide on noise exposure and potential health effects. EEA Technical Report No. 11/2010. European Environmental Agency, Copenhagen, 2010.

 

Letzte Aktualisierung

Oktober 2012