Abbildungen
-
Abb. Abschätzung des zu erwartenden Hörverlustes nach ISO 1999 -
Abb. Statistischer Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und ischämischen Herzkrankheiten -
Abb. Dosis-Wirkungs-Kurve für den Zusammenhang zwischen Straßenverkehrslärm und Herzinfarktrisiko
Hintergrundinformationen
DPSIR-System
Zuordnung des Themas
Impact (Wirkung)-
Daten zur Umwelt - Umweltzustand in Deutschland -
Lärm -
Lärmwirkungen
Lärmwirkungen
Gesundheitsrisiken durch chronischen Lärmstress
Geräusche können nicht nur belästigen oder die Kommunikation stören und zu Leistungsbeeinträchtigungen führen, sondern durch Beeinträchtigung des Schlafes und chronische Stressreaktionen eine Gesundheitsgefährdung darstellen. Dies äußert sich in einer veränderten Schlafstruktur (Schlafstadien), vermehrten Aufwachreaktionen, erhöhten Stresshormonausscheidungen, erhöhten Risikofaktoren (Blutdruck, Blutzucker, Blutfette, Fließeigenschaften des Blutes) und schließlich einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten (z. B. Bluthochdruck und ischämische (durch Sauerstoffunterversorgung hervorgerufene)) Herzkrankheiten einschließlich Herzinfarkt.
Die durch Straßen- und Schienenverkehr verursachten Geräusche können vegetative und endokrine Reaktionen (extra-aurale Wirkungen) hervorrufen. Bei Immissionsschallpegeln über 45 dB(A)
Für die einzelnen Verkehrslärmstudien sind relative Risiken (RR) mit statistischen Streubereichen (95 % Konfidenzintervalle) aufgetragen. Nach rechts verschobene Balken mit RR über 1 lassen erkennen, dass ischämische Herzkrankheiten häufiger in Gebieten mit höherer Verkehrslärmbelastung auftreten als in solchen mit geringer Belastung. Liegt der gesamte Streubereich oberhalb von 1, so ist der Unterschied statistisch signifikant.
Aufgrund von Modellrechnungen des Umweltbundesamtes ist zu befürchten, dass ca. 13 Mio. Bewohner Deutschlands verkehrslärmbedingt dem erhöhten Risiko einer ischämischen Herzkrankheit unterliegen. Derzeit ist oberhalb eines Immissionspegels von tagsüber 65 dB(A) und
Auf der Grundlage der Ergebnisse epidemiologischer Verkehrslärmstudien wurde eine Meta-Analyse durchgeführt, um aus mehreren qualitativ hochwertigen Studien einen gemeinsamen Schätzer für das relative Risiko für Herzinfarkt durch Straßenverkehrslärm zu ermitteln und eine Dosis-Wirkungskurve für den Zusammenhang zwischen Straßenverkehrslärm und relativem Herzinfarktrisiko abzuleiten [4]. Die Dosis-Wirkungs-Kurve ist in Abb. "Dosis-Wirkungs-Kurve für den Zusammenhang zwischen Straßenverkehrslärm und Herzinfarktrisiko" wiedergegeben. Auf der Grundlage dieser Kurve und Kenntnissen über die Belastung der Bevölkerung durch Lärm (siehe „Geräuschbelastung durch Straßen- und Schienenverkehr“) können quantitative Risikobetrachtungen und bevölkerungsbezogene Fallzahlen errechnet werden, die für Risikovergleiche und Prioritätensetzungen im Bereich Umwelt und Gesundheit ("Public Health") herangezogen werden können.
Eine große europäische Studie zum Zusammenhang zwischen Fluglärm und Straßenverkehrslärm und Bluthochdruck, die zeitgleich in 6 europäischen Ländern, einschließlich Deutschland, durchgeführt worden ist, hat statistisch gesicherte Zusammenhänge zwischen der Belastung durch Straßenverkehrslärm sowie der nächtlichen Lärmbelastung durch zivilen Flugverkehr mit der Prävalenz von Bluthochdruck aufgezeigt [5]. Die besondere Bedeutung des Nachtfluglärms im Hinblick auf Schlafstörungen und andere gesundheitliche Wirkungen zeigte sich auch in einer im Kölner Raum durchgeführten Lärmstudie [6]. Dort wurden erhöhte ärztliche Verschreibungen für blutdrucksenkende und andere Medikamente mit zunehmender Fluglärmbelastung der Wohnungen der Untersuchungspersonen festgestellt.
Wirkungen auf das Gehör
Exzessive Lärmbelastung ist weltweit eine Ursache für Hörschäden einschließlich Ohrgeräusche (Tinnitus). Während die Exposition gegenüber Arbeitslärm auch aufgrund verschärfter Arbeitsschutzregelungen in der Tendenz abnimmt, ist bei der Exposition gegenüber sozio-kulturell verursachten Lärmbelastungen eher eine Zunahme zu verzeichnen [7]. Freizeitaktivitäten, die mit hohen Schalldruckpegeln verbunden sind (Besuche von Diskotheken und Musikveranstaltungen, Nutzung tragbarer Musikabspielgeräte), werden mit einem erhöhten Risiko für Gehörschäden in Verbindung gebracht, wobei besonders junge Menschen mit exzessiven Hörgewohnheiten (laut und lange/häufig) betroffen sind (ca. 5-10 %) [7,8]. Anhand von in der Arbeitswelt üblichen Schätzungen zur Lärmdosis und deren Wirkung auf das Innenohr wurde abgeleitet, dass bei ca. 10 % der Jugendlichen nach mehrjähriger Einwirkung von Musikschall bei unveränderten Musikhörgewohnheiten ein nachweisbarer bleibender Hörverlust zu erwarten ist [9].
Epidemiologische Untersuchungen bestätigen den Verdacht, dass häufige und sehr laute Musikbeschallung das Hörvermögen bei Jugendlichen verschlechtert [10,11].
Spielzeugpistolen und Knallkörper stellen weitere Gehör gefährdende Lärmquellen dar, die schon bei einem einzigen kurzzeitigen Schallereignis einen bleibenden Hörschaden hervorrufen können (akutes Lärmtrauma) [12]. Auf europäischer Ebene gibt es im Rahmen der Anforderungen zur allgemeinen Produktsicherheit Normen, in denen u. a. höchstzulässige Schalldruckpegel für Spielzeug und portable Audiogeräte formuliert sind. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Geräte auf dem Markt sind, die die dort genannten Werte überschreiten. Für den Unterhaltungsbereich (Diskotheken und Musikveranstaltungen) hat sich die Bundesärztekammer für eine Begrenzung von Musik-Dauerschallpegeln auf 90–95 dB(A) zum Schutz der Besucher vor möglichen Gehörschäden ausgesprochen [13,14] (siehe Abb. "Abschätzung des zu erwartenden Hörverlusts nach ISO 1999").
Die Möglichkeiten, mit dem vorhandenem gesetzlichen Instrumentarium eine Begrenzung der Schallpegel bei Veranstaltungen (einschließlich Diskotheken und Konzerte) zum Schutz des Publikums vor Gehör gefährdenden Schalleinwirkungen zu erreichen, wurden von einer ressortübergreifenden Arbeitsgruppe geprüft.
Die Arbeitsgruppe "Diskothekenlärm" bestand aus Mitgliedern der Bund/Länderarbeitsgemeinschaft Immissionsschutz (LAI), der Länderarbeitsgruppe Umweltbezogener Gesundheitsschutz (LAUG) und des Länderausschusses für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI) und des Umweltbundesamts (UBA) [15, 16, 17]. Die Zuständigkeit für Regelungen in diesem Freizeitbereich liegt bei den Ländern. In Anbetracht fehlender Regelungen für Pegel begrenzende Maßnahmen werden freiwillige Vereinbarungen mit den Spitzenverbänden der entsprechenden Gewerbetreibenden und Veranstalter (z. B. dem Bundesverband deutscher Diskotheken und Tanzbetriebe e. V. (BDT)) mit dem Ziel angestrebt, eine Senkung der Schallpegel bei Veranstaltungen auf äquivalente Dauerschallpegel am lautesten für das Publikum zugänglichen Beschallungsort auf Werte unter 100 dB(A) zu erreichen (Stichworte "DJ-Führerschein", "Gütesiegel freiwillig kontrollierte Musiklautstärke").
Dies würde gegenüber der bestehenden Situation bereits eine substanzielle Risikominderung bedeuten, ohne den Spaß des Publikums am Musikhören gravierend zu beeinträchtigen [18]. Die Gesundheitsminister der Länder hatten diesen Ansatz auf ihrer Konferenz im Jahr 2005 übernommen. Auf der Gesundheitsministerkonferenz 2007 wurde der bis dahin favorisierte Weg freiwilliger Maßnahmen mit den einschlägigen Verbänden alleine jedoch nicht als Ziel führend angesehen und die Einleitung möglichst einheitlicher gesetzlicher Regelungen in Erwägung gezogen. Die Beratungen hierüber dauern an.
[1] Babisch, W.: Epidemiological studies on cardiovascular effects of traffic noise. In: Prasher, D. and Luxon, L. (eds.): Advances in noise research, Volume 1: Biological effects of noise. Whurr Publishers Ltd.,
[2] Babisch. W.: Traffic noise and cardiovascular disease: epidemiological review and synthesis. Noise Health 2, 2000, S. 9-32.
[3] Umweltbundesamt (Hrsg.): Chronischer Lärm als Risikofaktor für den Myokardinfarkt. Forschungsbericht 297 61 003, UBA-FB 000538. Berlin 2004.
[4] Babisch, W.: Transportation Noise and Cardiovascular Risk. Review and Synthesis of Epidemiological Studies, Dose-effect Curve and Risk Estimation. WaBoLu-Hefte 01/06, Dessau-Roßlau 2006.
[5] Jarup, L., Babisch, W., Houthuijs, D., Pershagen, G., Katsouyanni, K., Cadum, E., Dudley, M., Savigny, P., Seiffert, I., Swart, W., Breugelmans, O., Bluhm, G., Selander, J., Charalampidis, A. S., Dimakopoulou, K., Sourtzi, P., Velonakis, M., Vigna-Taglianti, F.: Hypertension and exposure to noise near airports - the HYENA study.
Environmental Health Perspectives 116, 2008, S. 329-333. www.ehponline.org/members/2007/10775/10775.pdf.
[6] Greiser, E., K. Janhsen, and C. Greiser, Beeinträchtigung durch Fluglärm: Arzneimittelverbrauch als Indikator für gesundheitliche Beeinträchtigungen. Forschungsbericht 205 51 100. www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/3153.pdf, Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt.
[7] SCENIHR (Scientific Committee on Emerging and Newly Identified Health Risks), Potential health risks of exposure to noise from personal music players and mobile phones including a music playing function, ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/04_scenihr/docs/scenihr_o_018.pdf.
[8] Zenner, H.P.; Struwe, V.; Schuschke; G.; Spreng, M.; Stange, G.; Plath, P.; Babisch, W.; Rebentisch, E.; Plinkert, P.; Bachmann, K.D.; Ising, H.; Lehnert, G.: Gehörschäden durch Freizeitlärm. HNO 47 (1999), S. 236-248.
[9] International Organisation für Standardization (ISO): ISO 1999: Acoustics – Determination of occupational noise exposure and estimation of noise-induced hearing impairment. Genf 1990.
[10] Babisch, W.; Bambach, G.; Ising, H.; Kruppa, B.; Plath, P.; Rebentisch, E.; Struwe, F.: Gehörschäden durch laute Musik. WaBoLu-Hefte 5/96, Institut für Wasser-, Boden- und Lufthygiene des Umweltbundesamtes, Berlin 1996.
[11] Babisch, W., Schallpegel in Diskotheken und bei Musikveranstaltungen. Teil I: Gesundheitliche Aspekte. WaBoLu-Hefte 03/2000, www.apug.de/archiv/pdf/DISKO_1.pdf,
2000, Berlin: Umweltbundesamt.
[12] Fleischer, G.; Hoffmann, E.; Müller, R.; Lang, R.: Kinderknallpistolen und ihre Wirkung auf das Gehör. HNO 46, 1998, S. 815-820.
[13] Kommission „Soziakusis (Zivilisations-Gehörschäden)“ des Umweltbundesamtes: Pegelbegrenzung von elektronisch verstärkter Musik zum Schutz vor Gehörschäden. HNO 45, 1997, S.- 476.
[14] Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärztekammer: Gehörschäden durch Lärmbelastungen in der Freizeit. Deutsches Ärzteblatt 96, 1999, S. 3-6.
[15] Babisch, W., Arbeitsgruppe "Diskothekenlärm" eingerichtet.
UMID, 2004. 1/2004: p. 9-11
[16] Arbeitsgruppe Diskothekenlärm, Optionen zum Schutz des Publikums von Veranstaltungen (einschließlich Diskotheken) vor gehörgefährdenden Schalleinwirkungen, Dresden: LAI, LAUG, LASI.
[17] Arbeitsgruppe Diskothekenlärm, Anhänge zum Bericht der ressortübergreifenden Arbeitsgruppe zu Optionen zum Schutz des Publikums von Veranstaltungen (einschließlich Diskotheken) vor gehörgefährdenden Schalleinwirkungen, 2004, Dresden: LAI, LAUG, LASI.
[18] Babisch, W. and B. Bohn, Schallpegel in Diskotheken und bei Musikveranstaltungen. Teil II: Studie zu den Musikhörgewohnheiten von Oberschülern; Teil III: Studie zur Akzeptanz von Schallpegelbegrenzungen in Diskotheken. WaBoLu-Hefte 04/2000, 2000, Berlin: Umweltbundesamt: http://www.apug.de/archiv/pdf/DISKO_2-3.pdf.


