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Gewässerstruktur

Die von der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) gemeinsam mit dem Umweltbundesamt erstellte Gewässerstrukturkarte gibt zum ersten Mal einen Überblick über die von Menschenhand vorgenommenen hydromorphologischen Eingriffe in die Gewässer [1]. Die Bewertung basiert auf der von der LAWA entwickelten Gewässerstrukturgüteklassifikation (siehe Tab. „Gewässerstrukturklassen). Dabei wird die Veränderung der Gewässerstrukturen als Abweichung vom potenziell natürlichen Zustand als Referenz in 7 Stufen erfasst.

Leitbild und Klasse 1 stellt der potenziell natürliche Zustand dar, das heißt der Zustand, der sich einstellen würde, falls die derzeitigen Nutzungen und Verbauungen rückgängig gemacht werden würden. Unter diesen Bedingungen wären die naturraumtypischen Lebensgemeinschaften vollständig vorhanden (Referenzzustand). Die weiteren Stufen von gering (Klasse 2) bis vollständig verändert (Klasse 7) kennzeichnen die Stärke der anthropogenen Strukturveränderungen. Unter diesen Bedingungen stellen sich andere vom Referenzzustand abweichende aquatische Lebensgemeinschaften ein. Bei der Erstellung der Gewässerstrukturkarte wurden methodisch das Übersichtsverfahren (siehe Tab. „Übersichtsverfahren – Gewässerstrukturerfassung) und das Vor-Ort-Verfahren (siehe Tab. „Vor-Ort-Verfahren – Gewässerstrukturerfassung) für kleine bis mittelgroße Fließgewässer angewandt. Während beim Übersichtsverfahren die Bewertung vorwiegend auf der Grundlage von Luftbildern und thematischen Karten erfolgt, werden die Daten im Vor-Ort-Verfahren weitgehend im Gelände erhoben.

Flüsse und ihre Auen gehören zu den am intensivsten genutzten, gleichzeitig aber ökologisch besonders wichtigen Landschaften. Sie sind Lebensadern für den Menschen und für den Naturhaushalt. Die Abb. „Gewässerstruktur der Bundesrepublik Deutschland zeigt einen hohen Anteil an deutlich bis vollständig veränderten Gewässerabschnitten. Nur 21 % der deutschen Flüsse und Bäche – überwiegend in weniger besiedelten Regionen – sind noch in einem naturnahen Zustand, das heißt vom Menschen wenig bis mäßig verändert. Insgesamt wurden 33 000 Kilometer Fließgewässer untersucht und bewertet. Die Ergebnisse werden in 7 Stufen von Klasse 1 (unverändert) bis Klasse 7 (vollständig verändert) dargestellt (siehe Abb. „Verteilung der bewerteten Gewässerstrecken auf die Strukturklassen).

Der nur noch geringe Anteil von naturnahen Gewässerstrecken ist das Ergebnis wasserbaulicher Maßnahmen an den meisten der heute hydromorphologisch veränderten Gewässern. So wurden zum Beispiel die Lauflängen verkürzt, die Ufer verbaut, Stauanlagen errichtet, Wasser in Kanäle ausgeleitet und Hochwasserschutzbauwerke, wie etwa Deiche, angelegt. Zusätzlich wurden umfangreiche Entwässerungsmaßnahmen durchgeführt. In vielen Gewässern wurde die Sohle zur Verbesserung des Wasserabflusses und damit zur Verminderung der Überschwemmungshäufigkeit eingetieft.

Bei der Mehrzahl der Flüsse und Bäche haben die Folgen des Ausbaus und der Unterhaltungsarbeiten zu einer erheblichen Veränderung der Strukturen geführt. Dies zeigt sich besonders an den großen Flüssen. Sie sind in der Regel zugunsten der Schifffahrt und der Wasserkraftnutzung mit Wehranlagen und Schleusen ausgebaut worden. Ferner wurden ihre Überschwemmungsgebiete meist eingedeicht. Die großen Flüsse sind in der Regel zugunsten der Schifffahrt und der Wasserkraftnutzung mit Wehranlagen und Schleusen ausgebaut worden. Ferner wurden ihre Überschwemmungsgebiete zu großen Teilen durch Deiche vom Fluss abgetrennt und eingeengt. Dies erklärt ihre beträchtlichen Strukturdefizite und ihre überwiegende Zuordnung zu den Klassen stark bis vollständig verändert. Ems, Donau, Oder und Weser werden auf 50 % ihrer Lauflänge den Strukturklassen 6 und 7 zugeordnet. Die intensive Nutzung des Rheins und seines Umlandes führen dazu, dass bereits 80 % seiner Lauflänge vom Bodensee bis zu den Niederlanden ebenfalls in diese Strukturklassen gestellt werden müssen. Demgegenüber weist die Elbe nach ihrem Austritt aus dem Mittelgebirge bis zum Wehr Geesthacht noch deutlich strukturreichere Abschnitte auf (Güteklasse 3 und 4) (siehe Abb. „Prozentuale Verteilung der Strukturklassen an den großen Flüssen in Deutschland“). Lediglich die Tideelbe und die dichter besiedelten Strecken entlang der Oberen Elbe sind strukturarm und damit in Klasse 6 und 7 (stark bis vollständig verändert) einzustufen. Dies unterstreicht die besondere Bedeutung naturnaher Gewässerabschnitte an den großen Flüssen, wie zum Beispiel auch in der freifließenden Donau unterhalb der Isarmündung.

Die meisten der kleineren Flüsse und Bäche in den Mittelgebirgen, den Hügelländern und der Tiefebene sind in der Vergangenheit ebenfalls zugunsten der Wasserkraft, zum Schutz von Siedlungsgebieten, Verkehrswegen oder zur landwirtschaftlichen Nutzung (zum Beispiel Melioration) ausgebaut worden. Sie werden regelmäßig unterhalten. Damit werden die morphodynamischen Prozesse (Eigenentwicklung) unterbunden. Für diese Gewässer überwiegen deutlich veränderte (4) bis vollständig veränderte (7) Zustände.

Unveränderte (1) bis mäßig veränderte (3) Bach- und Flussabschnitte finden sich noch im Alpen- und Voralpengebiet, in den Granit- und Gneislandschaften des Bayerischen Waldes, in den Oberlaufabschnitten der Mittelgebirge, in den Heidelandschaften der norddeutschen Tiefebene und den eiszeitgeprägten Landschaften in Mecklenburg-Vorpommern. In diesen Landschaftsräumen sind die naturräumlichen Voraussetzungen wie Boden und Klima oder auch das Relief zum Teil so beschaffen, dass der Gewässerausbau und die Melioration der gewässerbegleitenden Flächen weitgehend unterblieben sind.

[1] Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA): Gewässergüteatlas der Bundesrepublik Deutschland – Gewässerstruktur in der Bundesrepublik Deutschland 2001

 

Letzte Aktualisierung

Jan 2007 / Okt 2012