für ihren Drucker

Entwicklung der Siedlungs- und Verkehrsfläche

Entwicklung der Siedlungs- und Verkehrsfläche

Die bundesweite Flächeninanspruchnahme kann für den 4-Jahres-Zeitraum von 1989 bis 1993 nur geschätzt werden, weil nur für die alten Bundesländer Daten der Flächenstatistik vorliegen. Da nach der Wiedervereinigung erst ein bis zwei Jahre benötigt wurden, um Planungen und Baumaßnahmen nach bundesdeutschem Recht in die Wege zu leiten, dürfte die jährliche Bauleistung in den neuen Ländern zunächst nur bei etwa der Hälfte oder einem Drittel der Bauleistung in den Jahren zwischen 1993 und 2000 gelegen haben, als alte und neue Länder gleichermaßen von einem kräftigen Bauboom erfasst wurden.

2007 betrug die Siedlungs- und Verkehrsfläche 46 789 km2 gegenüber 40 305 km2 im Jahr 1993. Der Zuwachs vollzog sich weitgehend zu Lasten der landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Die Siedlungs- und Verkehrsfläche teilte sich 2007 in 52,0 % Gebäude- und zugehörige Freiflächen, 38,0 % Verkehrsfläche und 7,8 % Erholungsfläche (siehe Tab. „Siedlungs- und Verkehrsfläche nach Art der tatsächlichen Nutzung“).

Die Siedlungs- und Verkehrsfläche ist in etwa zur Hälfte versiegelt. Dabei lassen sich Angaben zum Versiegelungsgrad der Siedlungs- und Verkehrsfläche aus der amtlichen Flächenstatistik nicht ableiten. Auf der Grundlage der nationalen Ergebnisse der Flächenerhebung und von Versiegelungsstudien in mehreren Bundesländern kommt der Länderarbeitskreis für Bodenschutz (LABO) in einer neueren Hochrechnung im Durchschnitt von 15 Bundesländern auf einen mittleren Versiegelungsgrad der Siedlungs- und Verkehrsflächen von 46 % [1]. Das sind rund 2,14 Mio. ha oder 6,0 % des Bundesgebietes.

Gegenüber dem Ende des letzten Jahrhunderts ist die tägliche Flächenneuinanspruchnahme von 129 ha (1997–2000) auf 113 ha (2004-2007) zurückgegangen (siehe Abb. “Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsfläche“).

Die bundesweite Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche teilte sich im Zeitraum 2004 bis 2007 auf in rund 74 ha pro Tag in den alten Bundesländern und rund 39 ha pro Tag in den neuen Bundesländern.

Die höchsten Zunahmen der Siedlungs- und Verkehrsfläche verzeichneten zwischen 2004 und 2007 die Bundesländer Sachsen-Anhalt (+11,7 %) und Mecklenburg-Vorpommern (+6,3 %), gefolgt von Schleswig-Holstein (+5,3 %) und Brandenburg (+4,9 %)..

In Sachsen (+3,7 %), Rheinland-Pfalz (+3,6 %), Bayern (+3,3 %), Niedersachsen (+3,2 %), Nordrhein-Westfalen (+3,1 %), Baden-Württemberg (+2,8 %) und Hamburg (+2,6 %) lagen die Zuwachsraten zwar niedriger, sind für eine nachhaltige Entwicklung aber immer noch zu hoch.

Im Saarland (+2,15 %), in Hessen (+1,8 %) und in Thüringen (+1,57 %) sind die Zuwachsraten im Vergleich der Flächenländer zwar vergleichsweise gering, liegen aber immer noch deutlich zu hoch, vor allem im Hinblick auf die absehbar stagnierende oder rückläufige Bevölkerung.

Eher verhalten ist der Flächenzuwachs, anders als in Hamburg, in den beiden Stadtstaaten Bremen (+1,3 %) und Berlin (+0,7 %).
Bei diesen Vergleichen muss berücksichtigt werden, dass in Sachsen-Anhalt die Zunahmen wegen statistischer Korrekturen bei Erholungs- und Betriebsflächen zum Teil stark überschätzt wurden.

Pro Kopf der Bevölkerung liegt die Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsflächen in den alten Ländern niedriger als in den neuen, da in den neuen Ländern eine Ausweitung der Siedlungsflächen trotz Stagnation oder Schrumpfung der Bevölkerung erfolgte. Das stärkste Siedlungsflächenwachstum in absoluten Zahlen findet jedoch in den Wachstumsregionen um die süddeutschen Metropolen statt.

In den alten Ländern ist das Wachstum der Siedlungs- und Verkehrsfläche im Zeitraum 2004 bis 2007 gegenüber dem Zeitraum von 1997 bis 2000 um 17 % zurückgegangen. Darin schlägt sich auch ein verlangsamtes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum nieder sowie der Umstand, dass bis auf den Eigenheimmarkt die quantitative Nachfrage nach Wohnraum in den meisten Regionen außerhalb der Wachstumszentren gedeckt ist. So ging im gleichen Zeitraum die Neuinanspruchnahme durch Gewerbe um 42 % zurück und die durch Wohnbauflächen um 29 % (Rückgang der Neuinanspruchnahme durch Zwei- und Mehrfamilienhäuser um 61 %, durch Einfamilienhäuser nur um 10 %).

In den neuen Ländern lag das Wachstum der Siedlungs- und Verkehrsfläche in den 4 Jahren von 2004 bis 2007 um 1,5 ha pro Tag niedriger als im Zeitraum 1997 bis 2000. Bei den Gebäude- und Freiflächen ist ein Rückgang der Zunahme um 58 % zu verzeichnen. Gut die Hälfte (55 %) der Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche ist in den neuen Ländern auf die Zunahme von Erholungsflächen in Sachsen-Anhalt zurückzuführen. Wie oben bereits erwähnt, muss hier davon ausgegangen werden, dass in erheblichem Maße statistische Korrekturen die Ursache sind und nicht reale Änderungen der Nutzungen [2], [3].

Bundesweit ist die Zunahme der Gebäude- und Freiflächen seit dem Zeitraum 1997 bis 2000 deutlich rückläufig. Bis zum Zeitraum 2004 bis 2007 sank sie von 78 ha pro Tag auf 42 ha pro Tag, was einem Rückgang um 47 % entspricht.

Die Zunahme der Verkehrsflächen liegt zwar niedriger als die Zunahme der Siedlungsflächen. Sie blieb jedoch mit rund 23 ha pro Tag seit 1993 konstant. Unerwünschte Umweltwirkungen sind auch damit verbunden, erwähnt sei vor allem die weitere Zerschneidung von Freiräumen und die Lärmbelästigung [4], [5].

Bis zum Jahr 2020 soll deshalb der Zuwachs der Siedlungs- und Verkehrsfläche auf 30 ha pro Tag reduziert werden [6]. Von diesem Ziel der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie sind wir – trotz erfreulicher Verlangsamung bei der Zunahme der Gebäude- und Freiflächen – noch weit entfernt. Der Nachhaltigkeitsrat fordert darüber hinaus, bis 2050 die neue Inanspruchnahme – vor allem durch Innenentwicklung und Flächenrecycling – auf Null zu reduzieren.

Der Rückgang der letzten Jahre ist allerdings im Wesentlichen konjunkturbedingt und die künftige Entwicklung ist bei der derzeitigen Wirtschaftskrise schwer einzuschätzen. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit bietet es sich an, zunächst einmal die Siedlungsbestände im Innenbereich von Städten und Dörfern zu ertüchtigen. Vorausschauend für Zeiten einer konjunkturellen Erholung sollte die Zeit für eine konsequente Weiterentwicklung von planerischen, rechtlichen und ökonomischen Instrumenten und ihre Umsetzung in der Praxis genutzt werden. Zielführend ist auch die Nutzung der vielerorts vorhandenen Brachflächenpotenziale. Daneben ist die Entwicklung eines stärkeren Problembewusstseins in der Gesellschaft notwendig [3], [4], [5], [6].

Angesichts der demographischen Entwicklung mit regional sehr unterschiedlichen Entwicklungstrends ist eine sparsame Flächeninanspruchnahme auch ein Beitrag zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Finanzpolitik, denn teure, künftigen Entwicklungen nicht angepasste Fehlinvestitionen können vermieden werden (siehe „Demographischer Wandel und Siedlungsstruktur“).

Wohnfläche

Eine wichtige Ursache für das immer noch anhaltende Siedlungsflächenwachstum ist der Wohnungsbau.

Gegenüber dem Ausgangsniveau in den letzten beiden Jahren vor der Wiedervereinigung blieb der Wohnungsbau in den alten Ländern bis zum Jahr 1991 in etwa unverändert, während der Wohnungsbau in den neuen Ländern im Zuge der Systemumstellung deutlich zurückging.

Im Verlauf der 1990er Jahre war zuerst in den alten Ländern und etwas später in den neuen Ländern ein starker Anstieg der Bautätigkeit, vor allem im Geschosswohnungsbau, zu verzeichnen. Ursache in den alten Ländern war die Zuwanderung von rund 4 Mio. Menschen in nur sechs Jahren, die mit dem Auszug der geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre aus dem Elternhaus zusammentraf.

In den neuen Ländern bestand in den ersten Jahren nach der Wende auch noch quantitativer Nachholbedarf in der Wohnraumversorgung, der jedoch – bedingt durch Wohnungsneubau einerseits und Abwanderung von Arbeitnehmern andererseits – heute vollständig gesättigt ist. Stattdessen stehen in den neuen Ländern derzeit – trotz Rückbaumaßnahmen – immer noch mehr als 1 Mio. Wohnungen leer. Auch in einigen Regionen der alten Länder außerhalb der Wachstumskerne mit stark überalterter Bevölkerung nehmen inzwischen die Wohnungsleerstände zu.

Zwar ist in Deutschland nach dem Abflauen der Zuwanderungswelle die Anzahl der fertig gestellten Wohnungen in den letzten 10 Jahren stetig gesunken - von knapp 523 000 Wohnungen im Jahr 1996 auf 184 000 Wohnungen im Jahr 2007 (siehe Abb. „Zuwachs des Wohnungsbestandes durch Wohnungsbau“).

Gleichzeitig gab es aber eine Verlagerung der Bautätigkeit vom vergleichsweise flächensparenden Geschosswohnungsbau zum flächenzehrenden Einfamilienhausbau. Die geburtenstarken Jahrgänge hatten nämlich um die Jahrtausendwende das Alter erreicht, in dem Haushalte, die es sich leisten können, ein Eigenheim erwerben. Trotz Rückgang der Anzahl der fertig gestellten Wohnungen nahm deshalb die Flächeninanspruchnahme durch Wohnungsbau nach 1995 deshalb zunächst weiter zu und erreichte im Jahr 1999 mit 49 ha pro Tag ein Maximum.

Seit dem Jahr 2000 – nachdem die Nachfrage der geburtenstarken Jahrgänge nach Eigenheimen inzwischen weitgehend gedeckt wurde – gehen auch der Eigenheimbau und damit die Flächeninanspruchnahme durch Wohnungsbau allmählich zurück (siehe Abb. „Zunahme der Wohnbauflächen aufgrund der Zunahme des Wohnungsbestandes“). Mit etwa 25 ha pro Tag war im Jahr 2007 die Flächeninanspruchnahme durch Wohnungsbau in Deutschland zum ersten Mal niedriger als vor der Wende. Seit dem Maximum im Jahr 1999 hat sie sich nahezu halbiert.

Künftig wird aus demographischen Gründen die Anzahl der Regionen und Gemeinden, in denen die Bevölkerung noch wächst, deutlich abnehmen und die Anzahl der Regionen und Gemeinden, deren Bevölkerung schrumpft, zunehmen. In einer zunehmenden Anzahl von Regionen in Deutschland wird der Bedarf an Wohnungsneubau deshalb weiter zurückgehen und die Wohnungsleerstände werden zunehmen.

 

[1] Gunreben, Marion; Dahlmann, Irene; Frie, Britta; Hensel, Ralph; Penn-Bressel, Gertrude; Dosch, Fabian: Erhebung eines bundesweiten Indikators „Bodenversiegelung“; In: Zeitschrift Bodenschutz, Heft 2/2007, Seite 34 ff

[2] http://www.bbr.bund.de

[3] UBA-Texte 90/03: Reduzierung der Flächeninanspruchnahme durch Siedlung und Verkehr – Materialienband, Fußnote Seite 67

[4] BfN (Hrsg): Stärkung des Instrumentariums zur Reduzierung der Flächeninanspruchnahme - Empfehlungen des Bundesamtes für Naturschutz, Bonn Bad Godesberg, Dezember 2008

[5] Bergmann, Eckhard; Dosch, Fabian: Von Siedlungsexpansion zum Flächenkreislauf, Trendwende zum haushälterischen Umgang; In: Planerin, Fachzeitschrift für Stadt-, Regional- und Landesplanung, Heft 1_04, März 2004

[6] Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Fortschrittsbericht 2008: Für ein nachhaltiges Deutschland. Berlin 2008

Letzte Aktualisierung

Mai 2009